Wenn du einen Elefanten beim Zähneputzen findest… oder Humor im Familienalltag
Ich sitze am Schreibtisch und bereite eine Einheit zum Thema Humor vor. Dazu eingefallen ist mir gleich Vera Birkenbihl. Und so lande ich schnell bei ihrer Beschreibung der 60-Sekunden-Lächel-Grimasse. Das probiere ich natürlich gleich aus, für den Kurs.
Ich ziehe eine Grimasse. Lächle. Übertrieben, gekünstelt, komme mir ein bisschen blöd vor, genau wie sie es in dem kurzen Video beschreibt.
Und dann setzt bei mir auch die Wirkung ein, die sie beschreibt: Ich lächle vor mich hin, mache noch ein paar Übungen aus dem Improtheater und dann fange ich an zu lachen. Richtig zu lachen. Alleine, am Schreibtisch. Einfach so ohne Grund. Dann über mich selbst. Ich habe noch nie so viel gelacht bei einer Vorbereitung. Und irgendwas in mir war den ganzen Tag leicht. Ganz einfach leicht.
Was ich mit Humor meine und was nicht
Humor hat einen ganz feinen Grad hin zu nervig sein. Und auch dieses „immer mehr Gelächter wollen“, wo es dann in eine aufgekratzte Stimmung kippt, wo es kein Genug mehr gibt, das meine ich nicht.
Ich meine etwas anderes: diesen ganz feinen Moment von Kontakt um des Kontaktes willen. Eine Überraschung mitten in einer langweiligen oder organisatorischen Situation. Kontakt, ohne dass man etwas von seinem Kind will.
Humor ist nicht dasselbe wie Sarkasmus oder Ironie. Sarkasmus und Zynismus sind aggressive Formen von Humor. Verletzendes kommt anders verpackt. Ironie braucht eine gemeinsame Ebene des Verstehens. Wer einander nicht gut kennt, versteht sie oft nicht und wird verwirrt. Diese Formen sind für Kinder nicht geeignet.
Der Humor, den ich meine, wirkt anders: er überrascht, öffnet das Herz und schafft Verbindung, gerade dann, wenn man sie am wenigsten erwartet.
Meine Experimente mit den Kindern
Mit den Kindern habe ich in den letzten Wochen viele Mini-Spiele ausgepackt, mich bewusst auf ihr Gekicher eingelassen. Oh, das macht so viel Kontakt und Spaß.
Hier ein Ausschnitt aus meinen Forschungen:
Übertrieben höflich sein: „Bitteschön, meine verehrte Dame! Ich begrüße Sie zur heutigen einzigartigen Zahnputzshow!“ Übertrieben höflich sein, wenn ich sowieso etwas für die Kinder mache: das Essen auf den Tisch bringen, die Autotür aufmachen, die Zähne putzen. Mit kleinem Knicks oder übertrieben eleganten Bewegungen macht es noch mehr Spaß.
Das Nichts-Spiel: „Lisa?“ Kind: „Ja.“ Ich: „Ach nichts.“ Das klingt nach wenig und löst jedes Mal Gekicher aus. Nur nicht übertreiben, beziehungsweise nicht sauer sein, wenn die Kinder den gleichen Schmäh bei dir machen.
Tiere zwischen den Zähnen: Beim Zähneputzen Tiere zwischen den Zähnen finden: „Aha, hier ist ja ein Elefant! Uiuiuui, den müssen wir rausputzen.“
Nasse Hände: Hände mal nicht abtrocknen, sondern nasse Tropfen durch die Luft spritzen lassen.
Verkehrte Welt: Einfach alles verkehrt sagen, als man es meint.
Gelbe Autos: Bei jedem gelben Auto, dass ihr entdeckt einmal den anderen anstupsen.
Übertreibungen nutzen: Statt „Du hast die Sahne auf den Tisch geschüttet“ lieber: „Du hast hier einen Sahne-Tsunami ausgelöst!“
Unsichtbare Freunde einladen: Maya, Raya, Saya,… Das waren einige Namen der unsichtbaren Freund:innen meines Kindes, als es ungefähr 2 bis 3 Jahre alt war. Diese Welt mitzuspielen schafft so viel Verbindung.
Humor verändert die Beziehung zu unseren Kindern und zu uns selbst. Er bringt Überraschendes, etwas womit man nicht gerechnet hat. Er macht das Herz auf.
Was dabei in deinem Körper passiert
Humor ist nicht nur schön, er ist eine echte Ressource.
Schon beim Lachen, auch beim gekünstelten, sendet die Gesichtsmuskulatur Signale ans Gehirn. Das ist wissenschaftlich als Facial-Feedback-Hypothese bekannt: Unsere Mimik beeinflusst, wie wir uns fühlen. Wer lächelt, empfindet Situationen nachweislich positiver (Strack, Martin & Stepper, 1988).
Nach etwa 60 Sekunden beginnt die Ausschüttung von Endorphinen und Serotonin. Endorphine sind körpereigene Botenstoffe, die als natürliche Schmerzmittel wirken und ein Gefühl von Leichtigkeit und Wohlbefinden erzeugen. Sie hemmen gleichzeitig die Freisetzung von Cortisol in der Nebenniere, was den Stresspegel messbar senkt. Das heißt: Du kannst wieder klarer denken und bessere Entscheidungen treffen.
Serotonin, oft als Stimmungshormon bezeichnet, sorgt für emotionale Ausgeglichenheit. Es wird neben dem Lachen auch durch Bewegung und Sonnenlicht angeregt und wirkt langfristig stabilisierend auf unsere Stimmung.
Wenn wir es schaffen, eine schwierige Situation mit etwas Abstand zu betrachten, verändert sich unsere innere Haltung. Wir kommen raus aus Druck, Ohnmacht, Hilflosigkeit und rein in ein „Ich kann hier gestalten.“
Und bevor du in die Lächel-Grimasse gehst: Kannst du wahrnehmen, was gerade da ist? Wut? Ärger? Trauer? Was brauchst du?
Wenn wir nämlich immer das überdecken, was wir wirklich fühlen, dann kommen wir zur Schattenseite von Humor.
Die Schattenseite des Humors
Humor hat auch eine Schattenseite. Und die lohnt sich zu kennen.
Wenn du dich hier wiedererkennst, ist vielleicht jetzt ein guter Zeitpunkt mit einem Therapeuten oder einer Therapeutin darauf zu schauen:
Du warst in der Schule immer der Klassenclown, auch wenn es dir innerlich gar nicht gut ging. Du lächelst Ärger, Trauer oder Schmerz einfach weg. Sarkasmus oder Zynismus sind deine Art, Verletzendes auszudrücken.
Mit dem Humor überdeckst du dann das, was wirklich in dir drin ist. Das war zu einem bestimmten Zeitpunkt notwendig und schützend. Aber heute hindert dich diese Strategie daran, in Kontakt mit dir selbst zu sein, deine Bedürfnisse wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Und wenn wir uns selbst nicht gut spüren können, hindert uns das daran, in einen humorvollen, liebevollen Kontakt mit unseren Kindern zu gehen.
Bücher mit Humor, den ich mag
Ein Ausschnitt meiner liebsten Evergreens:
Pija Lindenbaum: Lucy Libero — frech, lebendig, herrlich eigenwillig. Meine Kinder lieben es.
Ellis Kaut: Pumuckl — Ich finde die neuen Bücher sehr liebevoll.
Astrid Lindgren: Pippi Langstrumpf — ein Klassiker, der die Welt der Kinder so treffend beschreibt wie kaum ein anderes Buch.
Mira Lobe: Die Omama im Apfelbaum — fantastisch! Wir haben dieses Buch so oft gelesen. War eine neue Entdeckung für uns.
Mira Lobe: Valerie und die gute Nachtschaukel — spielerisch, die Reime lassen sich sehr gut in den Alltag einbauen.
Paul Maar: Eine Woche voller Samstage — das Sams ist purer Humor und Fantasie. Aber meinem jüngeren Kind war das Sams zu frech und unberechenbar. Auch hier lassen sich die Reime sehr schön in den Alltag mitnehmen.
Christine Nöstlinger: Franz-Geschichten — alltagsnah, mit viel Witz und Wärme.
Marc-Uwe Kling: Das Neinhorn — den Humor finde ich vor allem für Erwachsene lustig. Kinder verstehen nicht alles, ist aber auch nicht so wichtig, finde ich.
Marc-Uwe Kling: Der Tag, an dem Oma das Internet kaputtgemacht hat — gleiches gilt hier.
Was bleibt
Mir ist nochmal bewusster geworden: Humor ist keine Eigenschaft, die man hat oder nicht hat. Er ist etwas, das man üben kann. In kleinen Momenten. Am Schreibtisch mit einer Grimasse. Beim Zähneputzen mit einem Elefanten. Beim Rausgehen mit einem Knicks.
Und im Alltag entstehen mit Leichtigkeit Klarheit und Kontakt. Wie: Ah, so kann das auch gehen.
Das wünsche ich dir.
Ps: Eine eigene Session zum Humor gibt es wieder im Vertiefungsraum: Noch bevor du laut wirst. Start im November 2026.
Quellen
Facial-Feedback-Hypothese: Strack, F., Martin, L. L., & Stepper, S. (1988). Inhibiting and facilitating conditions of the human smile: A nonobtrusive test of the facial feedback hypothesis. Journal of Personality and Social Psychology, 54(5), 768–777.
Endorphine und Cortisol: Durch eine Hemmung der Cortisolfreisetzung in der Nebenniere senken Endorphine nachweislich den Stresspegel. Forscher konnten zeigen, dass Lachen die Cortisolspiegel und das Schmerzempfinden messbar senkt. Quelle: medi-karriere.de/wiki/endorphine
Endorphine und Lachen: Es wurde nachgewiesen, dass Lachen Endorphine freisetzt und Stresshormone wie Cortisol reduziert. Quelle: erdemhospital.com/de/blog/what-are-endorphins
Natürlich ist immer alles mit einem Lebensstil verknüpft, der artgerecht ist für uns Menschen: Regelmäßige Bewegung fördert die Ausschüttung von Serotonin und Endorphinen. Sonnenlicht regt ebenfalls die Serotoninproduktion an. Quelle: aok.de/pk/magazin/koerper-psyche/stoffwechsel/serotonin-natuerlich-ankurbeln-die-besten-strategien
Vera Birkenbihl: https://www.youtube.com/watch?v=tOEbI9o-xrY